Thailand – Ein Reise-Journal von Lucia Hodinka

Posted by: on Apr 3, 2015 | No Comments

Lumpini Park

Vom Flug und der Zeitumstellung müde, haben wir gerade ein Ticket für den Nachtzug nach Chumpon gekauft. Ziel: Koh Tao. Es ist halb elf morgens und der Zug geht erst um sieben Uhr am Abend. Viertel nach, um genau zu sein. Gleis 7. Wenn wir um sechs Uhr wieder hier am Bahnhof sind, dann reicht das völlig. Aber die ganze Zeit hier sitzen bleiben und auf die Uhr starren, wie die Zeit vergeht, wollen wir nicht.

Der Bahnhof Hualampong ist voll und laut. Kein Ort, an dem wir uns entspannen könnten. Ein bisschen neben der Spur gehen wir mit unseren Backpacks herum. In einer Ecke gibt es die Möglichkeit, für wenig Geld die Rucksäcke abzugeben. Aber was, wenn sie dann nicht mehr da sind. Das ist am Anfang des Urlaubs zu riskant. Das würde die Stimmung unnötig trüben.

Wir gehen eine Treppe hoch. Ein Internetcafé mit völlig überteuerten Preisen blinkt uns an. Wir könnten kurz eine Mail schreiben, dass wir gut angekommen sind. Aber für den Preis? Ach, egal mit der Mail. Wenn das Flugzeug abgestürzt wäre, dann hätten das die Menschen, die an uns interessiert sind, schon mitbekommen. Außerdem ist jetzt in Deutschland Nacht, da würde ohnehin keiner lesen, dass es uns gut geht. Und wie absurd, wenn so eine Nachricht gerade abgeschickt wäre und zehn Minuten später würden wir ausgeraubt und vom Bus überfahren. Also sehen wir davon ab.

Thailand Reise-Journal CoverWir setzen uns ein paar Meter weiter auf eine Bank, um zu überlegen, was wir tun sollen. Noch ein paar Bänke weiter sind auch andere Rucksackreisende. Einer spielt Gitarre. Spielen ist übertrieben. Er starrt und dabei schlägt er immer wieder auf seine Saiten. Immer gleich. Schrumm schrumm schrumm. Schrumm schrumm schrumm. Schrumm schrumm schrumm. Apathisch spielt er und apathisch starren wir ihn dabei an. Will er das noch acht Stunden hier so machen? Und wollen wir noch acht Stunden so hier bleiben und das mit ansehen und anhören?

Wir machen uns Gedanken über diesen Typen. Schrumm schrumm schrumm. Doch dann hört er auf zu spielen. Macht nichts mehr mit seinen Händen. Das Geräusch geht weiter. Schrumm schrumm schrumm. Schrumm schrumm schrumm.

Er hat wohl den Dieter Bohlen Trick drauf, dass man Gitarre auch spielen kann, ohne sie wirklich zu spielen. Nein, hat er nicht. Wir haben ihn nur spielen sehen, aber nicht gehört. Das Geräusch war ein Bahnhofshintergrundgeräusch.

Wir lachen. Lachen laut. Lachen so, dass wir wissen, dass es uns hier gerade nicht wirklich gut geht.

Wir sind hier in Bangkok. Es wird hier doch auch Stundenhotels geben müssen. In einem Land, das für seine Prostitution so bekannt ist, dass alle allein reisenden Männer verdächtigt werden, hier nur das eine zu wollen.

Der Reiseführer listet eine Menge Hotels auf. Aber keine Stundenhotels. Er will ja ein guter Reiseführer sein. Keiner, der die Prostitution unterstützt.

Ich denke, dass es sicherlich auch solche Reiseführer geben wird: der Prostitution-Guide oder so ähnlich. Der wird heimlich, unter der Hand weitergegeben. Oder öffentlich verteilt, je nachdem, wo man seine Reise bucht. Bucht man unter getthethaigirls.com (diese Seite existiert meines Wissens nach nicht. Das für alle, die sich hier einen heißen Tipp erhoffen) das Spezialpaket, gibt es den Prostitution-Guide umsonst dazu.

Der hätte uns jetzt sicherlich alle Stundenhotels aufgelistet. Und wir hätten hingehen können, unsere Rucksäcke abstellen, uns aufs Bett legen und schlafen, bis der Nachtzug kommt.

Wir wollen auch nicht bei der Touristinformation danach fragen. Das gäbe wohl ein paar schiefe Blicke. Jetzt kommen schon Geschwisterpaare aus Deutschland hierher um Schwesterninzucht zu betreiben!? Wir wollen doch nur ein wenig Schlaf. Ja, sicher!!

In einer Stadt, in der es laut ist, in der der Verkehr die Luft verpestet, dass sich die Leute Taschentücher vor Mund und Nase halten, die so ausufernd ist, dass sich nicht mal die Taxifahrer auskennen, wollen wir ein wenig Ruhe finden. Vielleicht auch ein wenig Schlaf. Ohne Kosten. Oder eben nur geringe.

Es gibt hier einen Park. Den Lumpini Park. Da könnten wir doch hin. Mit dem Bus vielleicht. Busnummer 25 finden wir selbständig heraus. Aber wo ist die Haltestelle?

„Front-Exit, O.K.?“, sagt die Dame der Touristinformation.

„O.K.!“

Thailand Reise-Journal CoverDa stehen nur Taxis und die Fahrer wollen uns haben. Unsere Rucksäcke in ihren Kofferraum quetschen und uns auf die Hinterbank. Dann machen sie ihr Taxameter nicht an, um uns zu ärgern und möglichst viel Geld aus uns herauszuholen. Uns doofen Touristen aus dem Westen.

Wir ignorieren sie. Wackeln mit unseren Rucksäcken an ihnen vorbei, ohne zu wissen, wohin eigentlich. Einfach mal nach links. Da sieht es so nach richtigem Verkehr aus. Wir wackeln weiter, kommen zu dem Ausgang, an dem uns die Touristinformation zum Front-Exit geschickt hat.

„He?“ denken wir, und das kann man tatsächlich denken. Da dachten wir also „He?“ guckten dementsprechend verwirrt, bis sich eine Thailänderin auf uns stürzte.

“Where do you want?”

Wir wollen sie abwimmeln. Immer diese Schlepper, diese Verarscher, diese Thais, die uns das Geld abnehmen wollen. Davon habe ich schon etliche Berichte in irgendwelchen reporter spezial-Sendungen auf RTL II gesehen! Die sollen uns einfach mal in Ruhe lassen. Ein großer, weißer Typ kommt auf uns zu.

„Seid ihr Deutsche?“

„Ja.“

Seine Freundin ist schon längst über die Straße, er lässt sich Zeit. Holt seinen Stadtplan raus, fragt, wo wir hin wollen.

„Mit dem Bus zum Lumpinipark.“

Er guckt erstaunt, aber nett. Seine Freundin guckt schon genervt von der anderen Straßenseite rüber. Der immer, scheint sie zu denken. Warum kann der nicht einfach mitkommen und sich einen Scheiß darum kümmern, was mit den zwei Hühnern da passiert.

Er sagt, dass wir am besten den Bus Nummer 25 nehmen. Schaut ein wenig verlangsamt auf den Stadtplan.

Seine Freundin kommt wieder rüber. Nett fragt sie, wo wir hin wollen, sagt, wir sollen mitkommen, sie wollten auch gerade den Bus nehmen. Einen anderen zwar, aber die Haltestelle ist ja die gleiche. Wir folgen ihrem Kommando. Ich gehe neben ihr. Quer über die stark befahrene Straße.

Sie sind schon ein paar Tage in Bangkok. Das ist der Anfang einer achtmonatigen Reise durch Asien. Und hier treiben sie gerade die ganzen Visa auf. Heute gehen sie in die kambodschanische Botschaft. Ist schon aufreibend, diese Visumgeschichte die ganze Zeit. Aber sie freut sich schon auf das Reisen. Hergekommen waren sie mit Lauda Air. Das war schön. Und jetzt würden sie mal gucken, wann es weiter geht. In ein paar Tagen sei hoffentlich alles durch. Wie lange wir denn unterwegs sein würden. Sei ja schon nur sehr wenig Gepäck, da auf meinem Rücken.

Fast traute ich mich nicht zu sagen, dass es sich bei uns nur um drei Wochen Urlaub handelt, nach welchem wir einfach wieder zurück nach Deutschland flögen. Kein Vietnam, kein Malaysia, kein Kambodscha, Laos, Indonesien und was sonst noch alles. Aber ich sagte es und schon waren wir an der Bushaltestelle.

Zwei Meter hinter mir kam meine Schwester mit dem Typen an.

„Da ist ja die 25 schon!“

„Oh, ja, danke schön. Und gute Reise und ja, also, danke.“

„Schönen Urlaub!“ riefen beide zusammen, während wir mit den Rucksäcken in den Bus sprangen.

Thailand Reise-Journal CoverIm Bus waren nur Thailänder. Während man am Flughafen und am Bahnhof noch das Gefühl haben konnte, eigentlich in Europa zu sein, war hier ganz klar Thailand.

Wir standen kurz verloren im Bus, weil wir doch noch bezahlen mussten irgendwie, da kam auch schon eine kleine (eigentlich ein Adjektiv, das man bei Thailändern gar nicht hinzusetzen muss, weil es immer automatisch im Wort schon mitschwingt) Thailänderin mit einer langen, runden Dose, die sie erwartend schüttelte, dass man die Münzen darin hörte.

„Lumpini Park?“ fragten wir unsicher. Sie nickte. Schüttelte noch mal ihre Dose, um zu zeigen, dass sie hier das sagen hatte. Wir gaben ihr einen 20 Baht Schein in der Hoffnung, dass das genügt und sie gab uns zehn wieder.

Billig, dachten wir und suchten uns einen Platz.

„Die beiden von gerade“ sagte meine Schwester „besorgen sich hier gerade die Visa für ihre Reise durch Asien.“

„Weiß ich.“

„Die sind mit Lauda-Air geflogen.“

„Weiß ich.“

„Er fand, dass wir wenig Gepäck haben.“

„Er auch?“

„Die sind für acht Monate unterwegs.“

„Gut, dass wir beide das gleiche erfahren haben.“

Die Fahrt dauert lange. Vielleicht sind wir schon längst vorbei? Da kommt die Thailänderin wieder angerannt und bedeutet uns, zum Ausgang zu gehen. Wackelnd stehen wir da und warten, dass der Bus anhält. Er wird langsamer, noch langsamer. Wir machen uns bereit, beim Stillstand auszusteigen. Statt dessen ruft die Thailänderin laut etwas und gibt uns einen leichten Schubs. Während der Fahrt.

Rausgekegelt stehen wir nun vor unserer Alternative zum Stundenhotel: dem Lumpini Park.

Ich schwitze. Es ist heiß. Die Sonne scheint und ich habe noch meine langen Klamotten an, die mich auf dem Flug ausreichend gewärmt hatten. Hier hat die Kleidung eigentlich nichts mehr zu suchen.

Die Straße ist laut und stinkig. Schnell suchen wir den Eingang zum Park. Gehen ein wenig weiter rein und suchen einen geeigneten Platz. Überall sind die Stühle unter den Schirmchen belegt. Wir gehen weiter, wissen nicht, ob wir uns einfach auf den Rasen legen dürfen. Haben Angst, dass direkt eine Polizei-Gesandschaft käme, um uns in diesem Fall festzunehmen. Wie man in Singapur auch kein Kaugummi auf die Straße spucken darf. Wieso sollte man dann in Bangkoks Parks auf dem Rasen liegen dürfen?

Weil wir ein paar Thais finden, die das tun. Also legen wir uns in die Nähe, um uns im Notfall auf sie zu beziehen.

Ich hätte mich wohl geärgert, wenn weit und breit Rasen wäre, und jemand sich fast neben mich legte. Zum Glück wenigstens noch in den Schatten eines anderen Baumes, aber dennoch. So sind sie eben, die blöden Touristen. Legen sich in langer Kleidung in einen Park, weil sie zu blöd sind, ein Stundenhotel zu finden.

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