Thailand Ein Reise-Journal von Lucia Hodinka

Posted by: on Apr 17, 2015 | No Comments

Schönrechnen

„Wir machen heute eine Schnorcheltour!“ wecke ich meine Schwester um acht Uhr morgens. Ich habe entschieden, dass es spät genug ist, und dass wir den Tag nutzen werden.

„Aha?“ ist sie noch zu müde, als dass sie widersprechen könnte.

Ich werfe ihr das Infofaltblatt zur Schnorcheltour auf die Decke und erkläre ihr im Detail, wo wir überall hinfahren werden, was uns geboten wird, und dass wir um halb zehn los müssen.

Thailand Reise-Journal Cover„Mmmhhhmmmm“ streckt sie sich, noch nicht völlig begeistert, aber doch schon irgendwie motiviert aufzustehen.

„Der Engländer hat mich gerade am Strand darauf gebracht.“

„Du warst schon am Strand?“

„Ja.“

„So früh?“

„Er und seine Freundin wollen auch mitfahren. Das heißt, die Freundin weiß auch gerade jetzt erst von ihrem Glück, weil er sie auch jetzt gerade wecken gegangen ist. Sonst würde sie auch bis zum Mittag durchschlafen, meinte er.“

Meine Schwester grinst zufrieden bei dem Gedanken, bis zum Mittag durchzuschlafen.

Ein ein viertel Stunden später zahlen wir 500 Baht und entscheiden uns für die Fried Noodles with Chicken als Mittagessen an Bord. Und dann sollen wir da drüben warten. Auf der Bank, wir würden dann abgeholt.

„Ich muss noch schnell aufs Klo.“

„Dann beeil dich, wir fahren gleich los.“

Ich beeile mich, renne um die Ecke, renne auf das Klo zu, ziehe den Rock hoch, noch während ich abschließe, gebe alles, um schnell wieder zurück zu sein, komme wieder und es ist natürlich immer noch viel Zeit. Gleich heißt in Thailand auch gleich, aber in einer anderen Zeitskala als wir denken.

Die Engländer kommen nicht. Wahrscheinlich wollte die Freundin doch länger schlafen. Wir gehen auf das Boot, von dem wir abgeholt werden.

„Gut, dass wir gar nicht erst das Taxiboot in die Stadt nehmen müssen. Da sparen wir direkt 20 Baht. Die können wir eigentlich vom Preis runterrechnen.“

„Ja, finde ich auch“ grinse ich zufrieden den blauen Himmel und die Sonne an.

Das kleine Boot bringt uns zu einem größeren Schiff, auf dem schon andere Touristen sitzen.

“Pliiiis! Sit! Hiiiiiiiir!”

Wir setzen uns. Bekommen schnell erklärt, wo wir überall hinfahren werden, und dass die Getränke umsonst sind.

Thailand Reise-Journal CoverToll. Wir trinken schnell eine Flasche Wasser, damit wir nicht dehydrieren. Drei Liter sind in den Tropen Pflicht. Dann noch einen Tee, und wenn wir schon dabei sind, können wir eigentlich auch noch einen Kaffee trinken und noch eine Flasche Wasser.

„Was ist das für eine Insel?“ frage ich den 18jährigen Engländer neben mir, der ein Jahr lang nur gearbeitet hat, in der Zeit nie ausgegangen ist und gespart hat ohne Ende, um jetzt ein Jahr lang um die Welt fahren zu können. Er weiß es nicht, steht auf und geht. Vergraulen wollte ich ihn eigentlich nicht und frage den Thai, der für uns verantwortlich ist.

Bamboo Island next.”

“Thank you.”

Der junge Engländer kommt wieder.

„It is Bamboo Island“ sagt er.

„Oh really? Thank you.“

Er lächelt verschämt.

„O.K. Get ready. Now stop!” ruft der thailändische Koordinator, der uns in diesem Befehls-Ton auch schon unseren Platz zugewiesen hatte.

Wir stülpen die Brille und Flossen über, klemmen den Schnorchel in den Mund und sehen dabei so dämlich aus, wie man immer aussieht, wenn man Schnorcheln geht.

„Siiiirty miniiiiits“ ruft der Thai laut und gibt uns fast einen Schubs ins Wasser, damit es schnell geht.

Wir können unser Glück kaum fassen, so bunt ist es da unter uns und so viele verschiedene Fische schwimmen überall. Und Korallen, dass man gar nicht weiß, wo man hingucken soll. Ab und zu etwas Riesiges. Bunt leuchtend, sehr wassernah. Schreck und Freude dauern aber nur so lange an, bis klar ist, dass das nur die Flossen von einem anderen Schnorchler sind.

Am unnatürlich weißen Strand ruhen wir uns euphorisch kurz aus, und bevor wir feststellen können, dass man hier für immer bleiben könnte, ertönt schon eine laute, grelle Hupe, dass wir zurückkommen sollen. Aus Angst, vergessen zu werden, schwimmen alle in Rekordzeit zurück und steigen außer Atem wieder an Bord.

Alle stürzen sich auf Wasser und Tee, als wäre das die erste Mahlzeit nach langer Zeit auf einer einsamen Insel. Der Thai kommt mit Früchten herum.

„Oh lecker, Ananas!“ greifen wir zu.

Weiter geht es, wieder irgendwo zwanzig Minuten Zeit zum Schnorcheln und dann Mittagessen. Wir haben schon bessere Fried Noodles gegessen, aber für auf einem Boot total O.K.

Der Engländer war schon auf Maya Beach, dem Strand, wo The beach gedreht worden ist.

„Ist ganz schön da“ meint er.

Ganz schön da“ heißt aus dem englischen understatement übersetzt, dass es herrlich sein muss.

Vor Maya Beach haben wir noch an anderen Orten Zeit zu schnorcheln und mit dem Hupen wieder zurückzueilen. Wieder Tee, Wasser, Früchte. Jede Menge Fotos und wieder schnorcheln.

Maya beach ist wirklich „ganz schön“. Aber unglaublich klein, im Verhältnis zu dem, was man vom Film erwartet. Wir gehen ein wenig ins Inselinnere, vielleicht ist noch irgendwo ein Rest von Leonardo DiCaprio zu entdecken.

Die Hupe schallt grell hinüber. Schnell zurück, sonst kommen wir hier nicht mehr weg!

In einer langen Reihe beeilen sich alle zurück aus dem Inneren, über den Strand rennen, schnell ins Wasser und losschwimmen. Obwohl wir fast die letzten sind und auch schon nicht mehr können vom vielen Beeilen heute, überholen wir noch einen Japaner. Weiter vorne schwimmt seine Freundin.

Thailand Reise-Journal CoverAls wir zum Boot kommen, frage ich sie, ob ihr Freund O.K. ist, oder vielleicht Hilfe braucht.

„He very srowry!“ lacht sie hämisch. „Hahahaha. Hahahaha.“

Das Lachen schallt grell über das Wasser. So eine Schadenfreude, ihr Freund tut mir leid.

“He hates water. He cannot swim. Very srowry. Hahaha.“

Wieder lacht sie genau so. Ich überlege kurz, ob ich ihm entgegenschwimmen und helfen soll. Die Pflichten seiner Freundin übernehmen, seine Retterin sein. Und dann wird er mich dankbar angucken, wir werden uns in die Augen sehen, alles um uns herum wird still sein und zwischen uns beiden ist alles klar. Romantisch-kitschige Musik, anstoßen mit Wasser, Tee und Ananas – was für eine love-story, da könnte Rosamunde Pilcher neidisch gucken!

Aber vielleicht würde ich mit meiner Rettungsaktoion einen japanischen Ehrenkodex brechen, und der Japaner würde sein Gesicht verlieren, dass ihm eine Frau, auch noch eine Weiße, aus dem Wasser helfen muss. Er würde mich strafend angucken und seine Freundin würde verschämt zur Seite blicken. Und alle würden mich ächten für meine Tat. Dann soll er eben im Wasser enden, wenn die an solch alten Traditionen und Rollenbildern unbedingt festhalten wollen. Trotzdem behalte ich ihn besorgt im Auge, jederzeit bereit, ihn doch zu retten.

Als er fast am Boot ist, kann ich mich beruhigt auf die Ananas stürzen gehen.

Am Ende der Schnorchel-Tour holt uns das kleine Boot wieder ab, und bringt uns zu unserem Strand zurück.

„Weißt du was? Wenn wir von dem Preis die vielen Tassen Tee, die Flaschen Wasser, die Früchte, das Mittagessen, die Ausleihe für Flossen und Schnorchel, die Fahrt in die Stadt und zurück und die Miete für das Boot abrechnen, dann war die Fahrt eigentlich umsonst.“ Meine Schwester grinst vergnügt.

„Das stimmt. Wenn überhaupt, dann hat uns die Fahrt vielleicht gerade mal zehn Baht oder so gekostet.“

„Da werden sich die Engländer ärgern, dass sie nicht mitgefahren sind!“

Ich grinse zufrieden den blauen Himmel an.

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