Thailand Ein Reise-Journal von Lucia Hodinka

Posted by: on Apr 16, 2015 | No Comments

Where are you from?

„Where are you from?“

Das ist wahrscheinlich die häufigst gestellte Frage auf Reisen, wenn man beginnt, sich mit Fremden zu unterhalten.

“Germany.“

„Oh!“

„New Zealand.“

„Wow!”

„Britain. And you?“

Thailand Reise-Journal CoverVon überall her kommen Touristen. USA, England, Australien, Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien, Kanada (Vorsicht, das ist nicht USA, darauf bestehen sie), Neuseeland (Vorsicht, das ist nicht Australien, darauf bestehen sie), Irland (Vorsicht, das ist nicht Großbritannien, darauf bestehen sie). Wir hören Tschechen und Polen, auch ein paar Russen.

„Iraelis sind die Schlimmsten“ sagt der Kellner auf Koh Phi Phi ungefragt, als er bei uns am Tisch über Touristen lästert.

„Es gibt auch Touristen auch Israel hier?“

Die waren uns bisher nicht aufgefallen, aber schon sitzen sie im nächsten Bus neben uns.

Eigentlich sehen hier alle ziemlich gleich aus. Hellhäutig, ähnliche Gesichtszüge, großer Rucksack und irgendeine Form von offenen, gemütlichen Schuhen. Dazu eine kurze Hose und ein T-Shirt.

Und trotz dieser Gleichheit fängt ein Gespräch immer an mit „Where are you from?“

Dabei ist mir die Antwort eigentlich nie sonderlich wichtig. Ist mir doch egal, ob er jetzt aus dem Norden oder dem Süden hierher gekommen ist. Osten und Westen wird hier ohnehin auch relativ zu unserem Osten und Westen. Und es ändert ja auch nicht wirklich etwas, wenn man weiß, wo jemand herkommt. Außer dass man direkt tausend Vorurteils-Schubladen öffenen und all die Vorurteile über diesen einen Menschen drüber stülpen kann.

Aber was soll man sonst fragen, wenn man weiß, dass man jetzt mal ein paar Minuten zusammen sitzen wird? Über das Wetter zu sprechen ist hier absurd.

“Oh, nice weather today, isn’t it?”

“Oh yes. The sun is shining really heavily.”

“Do you know what the weather will be like tomorrow?”

I guess there will be sunshine. Just like yesterday. And the day before. And the day before.”

“Yes, it’s really nice weather in Thailand, isn’t it?”

Das ginge natürlich auch, wäre aber zu seltsam, wenn man das mit jedem durchsprechen würde, den man hier so trifft.

„Where are you from?“ verspricht da eine größere Variation.

Oder vielleicht fragt man das auch einfach, um zu erfahren, wie gut das Englisch des Gegenübers wohl ist. Oder ob man gar eigentlich dieselbe Sprache spricht.

Thailand Reise-Journal CoverÖsterreich, Schweiz oder Deutschland als Antwort auf „Where are you from?“ würde es absurd machen, weiter Englisch zu reden. Obwohl es davon leider auch genügend Fälle gibt: Deutsche, die wollen, dass immer alle ihre Geschichten hören und deshalb immer sehr laut sprechen und immer Englisch, selbst wenn man feststellt, dass man aus derselben Stadt kommt.

Dann gibt es noch die Folgefragen, die man je nach Interesse nachschieben kann, bzw. gefragt wird.

„Wie lange seid ihr schon hier?“ „Wie lange bleibt ihr noch?“ „Reist ihr nur durch Thailand, oder geht es noch weiter?“ „Wo wart ihr vorher?“

Fragen, die man nach dem dritten Mal schon fast auswendig beantworten kann. Und auch so beantwortet bekommt.

Namen, Daten, Fakten, Reiseverläufe, Schicksale. In kürzester Zeit erfährt man mehr über diese Menschen, die man höchstens ein paar Stunden kennen wird, als man über seine eigenen Freunde weiß.

Teilweise werden innerhalb kürzester Zeit Intimitäten ausgetauscht, die man hier in der Anonymität loswerden kann, ohne verurteilt zu werden und ohne Konsequenzen. Die Sexprobleme der Schwedin mit dem Exfreund. Die Trennungsgedanken eines Australiers, dem hier klar geworden ist, dass er nicht zurück in die heimische Zweisamkeit möchte, die Probleme des Briten mit der Mutter der Freundin, die denkt, sie müsse an seinem Leben jetzt mindestens so teilnehmen wie die eigene Mutter, die ihm aber auch schon zu präsent ist. Die Jobprobleme des Neuseeländers zu Hause, oder im Gegenteil, der große Coup des Niederländers, der jetzt unabhängiges Reisen ermöglicht.

Wenn alles, was hier erzählt wird, überhaupt stimmt. Denn hier kann man eigentlich sein, wer oder was man will. Irgend etwas erfinden. Etwas, was man schon immer sein wollte, oder womit man schon immer beeindrucken wollte.

Welcher Neuseeländer wird schon wissen, dass ich nicht die Star-Schauspielerin im deutschen Film bin?

Ich sollte mir einen Künstlernamen zulegen.

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