Thailand ein Reise-Journal von Lucia Hodinka

Posted by: on Apr 12, 2015 | No Comments

Warten

Es ist halb fünf am frühen Morgen. Die Nachtfähre von Koh Tao hat es geschafft, nicht zu sinken. Also geht unsere Reise weiter. Unausgeschlafen verlassen wir das Schiff, suchen unseren Backpack in dem großen Berg aufgestapelter Backpacks und gehen in die Richtung des jungen Mädchens, das unaufhörlich „Koh Lanta, Krabi, Koh Lanta, Krabi“ ruft.

“Please go to the taxi over there” befiehlt sie.

Ihr Englisch ist erstaunlich gut. Sie hält ihren Arm ausgestreckt, der Zeigefinger weist auf eine Reihe von Autos.

„Over there“ sagt sie auf unseren fragenden Ausdruck schon leicht genervt.

Thailand Reise-Journal CoverAlso fragen wir nicht, welches Auto jetzt genau. Gehen rüber, fragen die anderen Touristen und steigen auf die Ladefläche des Pick-ups.

Wir sind jetzt zu viert und das Sitzen ist komfortabel, so weit es das sein kann. Weitere Leute kommen, zweifeln schon, dass wir alle hier rein passen sollen. Wir quetschen uns ein wenig zusammen, stapeln die Rucksäcke so, dass es fast unwahrscheinlich wird, dass keiner runterfällt und wundern uns, dass noch zwei Leute hier rein passen sollen.

Das junge Mädchen kommt an. Befiehlt wieder mit ihrem Zeigefinger, dass sich die zwei übrigen vorne mit reinsetzen sollen. Auf die Idee war keiner gekommen.

Das junge Mädchen steigt auf den Fahrersitz und startet den Motor.

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob sie überhaupt schon alt genug ist, um zu fahren. Aber es ist ja noch dunkel, das wird schon keiner sehen. Und übermüdete Touristen beschweren sich nicht. Vor allem nicht, wenn man sonst mitten in der Nacht allein auf einem Pier in Suratthani stehen gelassen würde.

Es geht los. Schnell fährt sie durch irgendwelche Straßen. Nirgendwo ist was los. Das Einzige, was hier jede Nacht los ist, sind die ankommenden Touristen. Wegen denen stehen einige Thais jeden Tag viel zu früh auf, holen sie irgendwo ab und bringen sie irgendwo hin.

Wir werden in eine Art Café gebracht. Überall sonst sind noch Gitter vor den Geschäften und Einfahrten runtergelassen. Nur hier ist schon geöffnet, es brennt Licht und eine Frau wartet auf uns. Die Mutter wohl.

„The bus comes in an hour“ informiert uns das Mädchen und ich erschrecke wieder über ihr gutes Englisch.

Wir setzen uns auf die Stühle und schauen in die Auslage, was sie so im Angebot haben.

Getränke, Schokolade, Kekse und Chips. Man kann sich auch ein Sandwich machen lassen.

Ich bekomme langsam das Gefühl, dass das gar nicht normale Wartezeiten sind, sondern organisierte Wartezeiten. Wartezeiten die extra kreiert werden, damit die Touristen konsumieren, obwohl sie gar nicht wollen. Warum sollte ich um kurz vor fünf, wo es nicht mal hell ist, ein paar Pringles kaufen?

Die zwei Männer aus Ostdeutschland, kein Vorurteil, einfach eine Sprachauffälligkeit, stellen sich diese Frage nicht. Nachdem sie ein paar flache Sprüche abgelassen haben, stellen sie sich vor die Regale und fragen, wie teuer denn die Pringles seien.

“Seventy Baht” sagt die Mutter.

“Was? Das ist ja n Euro fünfzig. Ne, dann nicht.“

Sie stellen die Chips zurück. Gut, wie ich finde, vielleicht bemerken die Thais dann, dass man nicht alles zu jedem Preis kauft und vielleicht werden die Wartezeiten in irgendwelchen Cafés wieder wegorganisiert.

Die Amerikaner sitzen völlig apathisch an einem anderen Tisch. Der eine hat immer noch große Augen und staunt.

Wir sind müde. Wollen irgendwie weiter. Was machen wir hier?

Thailand Reise-Journal CoverEin Bus wird kommen, uns hier abzuholen. Er wird noch unterwegs sein, um andere Leute irgendwo abzuholen. Oder vielleicht sind noch nicht alle an ihren Orten, weil sie mit einer anderen Fähre kommen. Da steckt schon ein System hinter. Ganz bestimmt.

Die Weile ist lang. Die ostdeutschen Männer setzen sich an die Computer, um ihre E-Mails zu checken.

„Oli ist jetzt Vater geworden.“

„Ja?“

„War wohl ne schwierige Geburt.“

Das junge Thai-Mädchen steht auf und legt eine CD ein. Eminem. In diesem kleinen Café könnte man fast vergessen, dass man in Thailand ist. Was ist hier noch ursprünglich? Die Pringles, die Computer, Eminem? Die Mutter, die sich auch an einen Computer setzt, um Solitaire zu spielen?

„Benno hat gerade Stress mit seiner Freundin“ informiert der eine Ostdeutsche den anderen wieder.

„Der macht aber auch immer Sachen!“ kommentiert der, ohne vom Bildschirm aufzuschauen.

And I’m Slim Shady, yes I’m the real Shady, all you other Slim Shadys are just imitating, so won’t the real Slim Shady please stand up.

Das Thai-Mädchen steht auf. Ist sie Slim Shady? Jedenfalls ist sie aufgestanden. Das würde auch ihr gutes Englisch erklären. Sie verschwindet.

Wir blättern im Reiseführer. Eigentlich könnten wir jetzt mal gucken, wo wir auf Koh Lanta übernachten wollen. Für Koh Lanta hatten wir uns so spontan entschieden, dass wir jetzt fast nicht mehr wissen, warum wir überhaupt dahin fahren. Aber wir haben ja gerade eben wieder Aufkleber bekommen. Grüne mit Koh Lanta drauf. Das ist Grund genug.

Ich muss auf Toilette. Die Mutter erklärt mir, dass ich die Treppe hoch gehen muss, dann rechts.

„Die Treppe hoch, dann rechts. Die Treppe hoch, dann rechts.“

Wiederholt sie sich nur so oft, oder muss ich tatsächlich drei Stockwerke hoch gehen, um eine Toilette zu finden? Ich werde sehen. Gehe einmal die Treppe hoch, dann rechts. Da ist eine Tür. Ich zögere und frage mich, ob ich mich trauen soll, die auf zu machen, oder doch noch ein mal die Treppe hochgehen und dann rechts gehen soll. In dem Moment geht die Tür auf und das junge Thai-Mädchen kommt heraus. Sie hat ein Handtuch um ihren Körper und eins um ihre Haare geschlungen. Sie riecht frisch geduscht und lächelt mich an.

Wir streifen aneinander vorbei, und hier finde ich das Ursprüngliche. Eine kleine Ecke, in der Dusche, Klo und Waschbecken in einem untergebracht sind. Thailändische Putzmittel stehen herum, es gibt kein Klopapier, weil man die kleine Handdusche benutzt. Es gibt hier auch keine Kloschüssel, sondern nur ein Loch im Boden. Und ein mit Wasser gefüllter Eimer steht daneben, in dem eine Schüssel schwimmt. Damit soll man Abspülen.

Erfreut hocke ich mich über das Loch im Boden und atme den Geruch der Duschcreme ein, der noch in der Luft liegt.

Ich gehe wieder in die Welt der Touristen. Draußen wird es hell. Der Magen beginnt vor Langeweile zu knurren.

Eigentlich könnte man sich ja doch etwas zu essen kaufen. Zum Frühstück und mit auf die Fahrt. Wer weiß, wann man das nächste Mal etwas bekommt.

Das gut organisierte Prinzip des „Lass sie eine Weile warten, dann konsumieren sie schon“ geht doch auf. Die Ostdeutschen kaufen sich die Pringles, dann kommt der Bus.

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