Thailand – Ein Reise-Journal von Lucia Hodinka

Posted by: on Apr 13, 2015 | No Comments

Rosa Lilo

Er sitzt allein am Tisch. Wir wollen etwas essen. Es ist schon spät geworden. Für Mittagessen fast zu spät, aus deutscher Sicht. Für Spanier wäre das noch im Rahmen. Aber jede von uns wollte vor dem Essen noch ein bisschen schwimmen gehen. Und dann noch ein bisschen trocknen. Im Schatten, weil die Sonne zu heiß ist. Und wir sind ohnehin schon in der Mittagshitze gelandet, die man meiden soll. Wir meiden sie also, indem wir im Schatten sitzen und uns noch einmal eincremen. Jeder auf seinen Hauttyp abgestimmt. Ich nehme Lichtschutzfaktor 30.

Thailand Reise-Journal CoverUnd dann kam die japanische Gruppe. Zum Schnorchelausflug auf der Insel. Die mussten wir noch ein bisschen beobachten. Ihre Aufkleber, die sie als eine Reisegruppe identifizieren und ihren Zielort genau definieren, sind in Herzform. Da sie schnorcheln, sind die Aufkleber nicht aufs T-Shirt, sondern auf die Taschen geklebt.

Sie quetschen sich hinter uns in den Schatten und sitzen auf den Baumwurzeln, die aus dem Boden ragen und mir vorher nicht aufgefallen waren.

„Was ist das eigentlich für ein Baum? Eine Mangrove?“

„Ich weiß nicht.“

„Ich auch nicht.“

Komisch, dass man sich so für die Unterwasserwelt interessiert und alles fein säuberlich in sein Taucherlogbuch einträgt, was man gesehen hat, aber an Land kennt man nicht einmal die Bäume. Wenigstens interessieren wir uns jetzt. Der Baum hier ist schließlich unser Freund. Einer der wenigen, die Schatten spenden. Auf zuverlässige Art.

Kürzlich erst noch lagen wir im Schatten einer Palme. Einer sehr hohen Palme, die von oben herab ein wenig Schatten gönnte. Wir nahmen das Angebot an, machten uns breit. Es uns gemütlich. Die Sonne wanderte weiter und wir mussten dem Schatten hinterher ziehen, weil er nicht groß genug war. Ein Handtuchhinterherziehen. Hinter dem Schatten. Dann hatten wir genug und gingen. Tranken einen Coconut-Shake. „With milk, please.”

Die Japaner herrschen sich an. So hört es sich zumindest bei den Männern immer an. Die Frauen sprechen weich und zärtlich fast. Die gleiche Sprache. Ich erinnere mich an Shogun, wo mir alle Japaner aggressiv vorkamen, weil sie immer so bellten, anstelle normaler Konversation.

Die Mädchen fangen an zu kichern. Hinter vorgehaltener Hand, versteht sich. Kontrollierte Gefühle. Ein herzliches Lachen hören wir nicht. Dann springen sie wieder auf. Packen alles zusammen, ihre Kameras, die Handtücher, die Mützen die Cremes, die Getränke, die Plastikwasserflaschen und eilen zurück.

„Wenn wir jetzt den Schattenplatz verlassen, dann bekommen wir den nie wieder.“

„Dann lassen wir einfach die Handtücher hier liegen und tun so, als wären wir schwimmen. Dabei sind wir eigentlich essen.“

Das ist zu deutsch, oder?“

„Egal. Das Vorurteil besteht doch, das können wir nutzen.“

„Ach, egal um den Schattenplatz. Dann kommen wir eben erst viel später wieder, wenn wir keinen Schatten mehr brauchen.“

Thailand Reise-Journal CoverDieses Mal wollen wir nicht bei unserer Bungalowanlage essen. Long Beach Bungalows. Das Restaurant ähnelt zu sehr einer Kantine. Lange aneinandergereihte, hässlich weiße Tische. Reihe um Reihe, unter einem riesigen, schattenspendenden Plastikdach. Hier ist das Paradies, da muss es anders aussehen.

„Außerdem war das Essen soo toll auch nicht.“

Das steht sogar so im Reiseführer. Dem Loose:

Long Beach Bungalows **-*** billig, schlechte Hütten, schmuddelig, mieses Essen.

„Und dafür nicht billig genug.“

„Vielleicht versuchen wir einfach mal das Restaurant nebenan. Da, wo die hübschen weißen Schirmchen sind statt Plastikdach.“

„Hi!“

Er sitzt allein am Tisch. Trinkt Wasser. Hier trinkt man immer und andauernd Wasser. Steht ja auch in jedem Reiseführer, dass man auf genügend Wasserzufuhr achten soll. Täglich am besten drei Liter. Das weiß der Lonley Planet genauso wie der Stefan Loose.

Gestern ist er hier angekommen. Mit seiner Freundin und den Rucksäcken. Den Backpacks. Das Longtail hatte sie genau vor uns abgeladen. 40 Baht pro Person. Wir verstehen nicht, wieso ein Boot nicht einen Festpreis hat, den man sich teilt. 100 Baht pro Strecke und er hätte bei zwei Personen noch verdient. Aber das wird schon ausgeklügelt sein, dieses System. Ist ja schließlich (fast) die einzige Möglichkeit, an diesen Strand zu kommen.

“Do you know where Paradise Pearl is?” hatten sie uns gestern gefragt.

Wir guckten uns an. Keine Ahnung, sagten unsere Blicke schon.

„No, I’m sorry.“

Aber sie könnten es mal hier versuchen, Long Beach Bungalows. Wir haben da auch einen Bungalow bekommen.

Die Engländer reden immer automatisch von Bungalows. Ich finde, das ist nicht angemessen, um das hier zu beschreiben. Ich hatte früher Freunde, die in Bungalows gewohnt haben. Flachdachhäuser eben. Das ist mit dieser Wohnform nicht zu vergleichen. Hütte ist angemessen. Aber wer weiß, was die darunter dann verstehen. Wahrscheinlich ist hut für die dann das abgewrackteste Ding, was sie sich vorstellen können. Also sagten wir ihnen, dass unser Bungalow auch recht gut ist.

Sie bedankten sich und gingen. Eigentlich bedankte er sich und sie gingen. Sie hielt sich raus.

Dann trafen wir sie wieder, als wir vom Sonnenuntergang zurück zu unserer Hütte gingen. Aus unserer Sicht. Aus ihrer Sicht gingen wir zurück zu unserem Bungalow.

Sie fragten kurz, ob wir abends in die Stadt führen, wir verneinten, sie sagten, dass wir uns ja dann abends hier in der Bar sehen würden, wir bejahten. Eigentlich fragte er kurz, ob wir abends in die Stadt führen, sie hielt sich raus. Wir verneinten. Dann sagte eigentlich er, dass wir uns ja dann abends hier in der Bar sehen würden, sie guckte misstrauisch. Wir bejahten. Sie guckte weg.

In der Bar sahen wir uns nicht, aber ich traf ihn am nächsten Morgen wieder. Ich hatte abends am Tisch meine Taschenlampe vergessen, die ich völlig überflüssig mithatte, aber einfach einmal mal benutzen wollte. Zu früh wach hoffte ich, dass sie noch da stehen möge, wo wir gegessen hatten.

Wir unterhielten uns. Er war neugierig interessiert, fragte mich aus. Ich fragte ihn aus. Nach ein paar Minuten wussten wir, was man international anerkannt scheinbar vom anderen wissen muss und ich ging, meine Taschenlampe zu finden.

Dann sahen wir sie am Strand wieder. In geliehenen Strandstühlen sich der Sonne preisgebend. Sie nur im rosa Bikinihöschen, den dicken Bauch und die weiß abgesetzten Brüste nachbräunend.

Im Vorbeigehen wollten wir sie nicht ignorieren und versuchten den Witz, dass wir da hinten hingingen, weil wir um sechs Uhr morgens bereits unser Handtuch dort platziert hätten.

Er lachte, sie ignorierte uns. Später stellte er seine Flossen zu unseren, während er schwimmen ging, damit er den Weg nicht doppelt gehen müsse.

Thailand Reise-Journal Cover„No problem.“

Und jetzt kennen wir uns sozusagen schon so gut, dass wir sein Hi! nicht einfach übergehen können, wo er hier ganz allein sitzt. Aber wir wollten doch eigentlich nebenan essen. Ein Zwiespalt. Vielleicht im Gespräch zu lösen.

“We wanted to eat somewhere else.”

Er belehrt uns, dass dieses der einzige von zwei Orten sei, an denen man an diesem Strand essen könne. Der Ort nebenan sei völlig überteuert.

Also setzen wir uns. Aus Mitleid, dass er hier so alleine sitzt. Dabei mögen wir die Kantine nicht.

Er fragt uns neugierig aus. Wir fragen ihn neugierig aus, essen nebenbei und trinken viel Wasser.

Seine Freundin ist auf der lilo, erfahren wir.

Wo das ist, wollen wir wissen. Er guckt uns blöd an. Auf der rosanen lilo auf dem Meer. Schnelle Kombination: da er zuvor auf einer rosanen Luftmatratze auf dem Meer war, ist lilo wohl die Luftmatratze. Er wundert sich, dass wir das nicht wissen. Ich wundere mich, wieso englischsprechende Leute nicht lieber erstaunt sind, wie viel Englisch die meisten Deutschen drauf haben, dass man sich sogar amüsant unterhalten kann. Wenn ein Engländer versucht, mich mit seinem einzigen Wort zu beeindrucken, das er auf deutsch kann, sage ich meistens einfach Very good!, ohne verstanden zu haben, was er mir sagen will. Engländer sind einfach zu verwöhnt, weil die ganze Welt ihre Sprache spricht.

Wir fragen, ob sie denn gut eingecremt sei, bei der Sonne auf der Matratze auf dem Wasser.

Das haben sie nicht nötig, meint er. Er nutzt eine Sonnencreme LSF 2, seine Freundin benutzt gar keine Sonnencreme.

Ich prahle mit meinem LSF 30 und er sagt, ich sei ja auch weiß und habe es nötig.

Seine Freundin kommt zurück.

Ihre Hautfarbe hat sich schon exakt der Luftmatratze angepasst. Sie sieht aus wie ein kleines Ferkel.

Ist Miss Piggy eigentlich eine englische Erfindung?

 

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