Thailand – Ein Reise-Journal von Lucia Hodinka

Posted by: on Apr 11, 2015 | No Comments

Aufkleber

„Oh, das Rot passt gar nicht zum Rot meines T-Shirts“ stelle ich fest.

„Zu meinem grünen Shirt sieht es gut aus“ meint meine Schwester, als sie sich den Aufkleber aufs T-Shirt klebt.

Wir schauen uns um. Um uns herum werden noch vier andere bis Koh Lanta fahren. Sie haben auch rote Aufkleber. Andere haben grüne Aufkleber, andere gelbe und noch andere blaue. Die fahren irgendwo anders hin. Wir achten hauptsächlich auf die roten, und ihre Aufbruchtätigkeit, damit wir unseren Bus nicht verpassen.

Sobald man eine Reise bucht, zum Beispiel von Koh Tao nach Koh Lanta, wird man Teil eines gut ausgeklügelten Aufklebersystems, das die Thailänder eingeführt haben, um ihre Touristen nicht allein zu lassen.

Thailand Reise-Journal CoverEs ist erstaunlich, wie sie sich um einen kümmern. In Deutschland ist es jedem egal, wenn eine Fähre voller Touristen ankommt. Die werden ihren weiteren Weg schon finden. Sie müssen ein Taxi nehmen, Stadtpläne studieren, in gebrochenem Deutsch oder Englisch nach dem Weg fragen und viel Zeit und Geld verschwenden, um ans Ziel zu gelangen.

In Thailand wird man liebevoll geführt. Von einem Ort zum nächsten. Quer durch das Land und zwei Mal über Wasser muss man sich nicht ein Mal Gedanken machen, wie man von Punkt A nach Punkt B gelangt. Ein Bus bringt einen zur Fähre. Wieder an Land warten Thailänder, auch mitten in der Nacht, auf die Touristen und sortieren sie nach Zielort.

„Koh Lanta!?“

„Krabi!?“

„Koh Phi Phi!?“

„Bangkok!?“

In dem lauten Rufen hört man seinen Zielort raus, geht zur entsprechenden, verantwortlichen Person und bekommt einen Aufkleber. Manchmal in die Hand, manchmal vorsichtig auf die Brust geklebt. Die Farbe markiert den weiteren Reiseverlauf.

Fast wie ein Orden prangt jetzt der rote Aufkleber auf meinem roten Shirt. Vor zwei Tagen klebte an dieser Stelle noch ein gelber Aufkleber. Und wenn man sich im ewig gleichen Shirt durch das Land bewegt, kann man mehrere Aufkleber auf seinem Shirt sammeln. Wird dann zum Touristen-Oberst. Oder zum Touristen-Kapitän, oder sonst irgendein hoher Rang.

Mir wird ein wenig kühl. Auf der Nachtfähre war es extrem heiß und jetzt hier, mitten in der Nacht auf dem Boots-Steg in Suratthani, habe ich das Gefühl, dass ich leicht fröstel. Bei mindestens 25 Grad, wohlgemerkt. Ich ziehe mein langes Shirt über. Auf dem Shirt klebt noch der blaue Aufkleber, der uns nach Koh Tao brachte.

„Pass auf” warnt mich meine Schwester. “Ich glaube, mit dem blauen Aufkleber fährst du hier nach Bangkok.“

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