Thailand – Ein Reise-Journal von Lucia Hodinka

Posted by: on Apr 10, 2015 | No Comments

Nachtfähre

„Einmal Koh Tao – Koh Lanta bitte.“

Kauft man dieses Joint-Ticket, erwirbt man die Fahrt mit der Nachtfähre von Koh Tao nach Suratthani, ein Taxi, das einen von der Fähre abholt, irgendwo hinbringt, wo einen dann ein Bus abholt und nach Krabi bringt. In Krabi kommt ein Taxi zur Fähre und dann fährt man noch mit der Fähre nach Koh Lanta. Das alles für 750 Baht.

„Oh, ihr nehmt die Nachtfähre“ hört man dann am Abfahrtstag „die ist ja berüchtigt für ihre Unfälle. Entweder sie geht einfach so unter, weil sie vollkommen überladen ist und die jeden noch drauf nehmen, um Geld zu machen, oder sie kollidiert mit der entgegenkommenden Nachtfähre.“

Gut zu wissen. Besser, es nicht zu wissen. Zu spät. Das Ticket ist gekauft und es ist die einfachste Möglichkeit dorthin zu kommen, wo wir hinwollen.

Thailand Reise-Journal CoverAls wir uns zu viert aufmachen, die Insel zu verlassen, besorgen wir uns noch Getränke für die Fahrt. Einer der Amerikaner entscheidet sich nicht für Wasser, um den Durst zu löschen, sondern für Whisky und Cola, um nicht weiter an einen Untergang denken zu müssen.

Wir geben die Tickets ab. Kurz danach unsere Rucksäcke. Wie immer. Einfach den Rucksack abgeben, sehen, wie er irgendwo hingeschmissen wird, nicht immer fachgerecht, und hoffen, dass der Inhalt am Ende in etwa noch dem anfänglichen entsprechen wird.

Wir haben schon mal darüber nachgedacht, was uns fehlen würde, wenn der Rucksack ganz verschwinden würde nach so einer Abgabe. Ich dachte an mein schwarzes Strickjäckchen, was aber so günstig war, dass es jederzeit nachgekauft werden könnte. Vielleicht noch das ein oder andere Shirt, aber alles im verschmerzbaren Bereich. Geld und Reiseunterlagen haben wir immer bei uns. Vielleicht macht es uns deswegen so wenig aus, den Rucksack abzugeben. Wir können jedenfalls trotzdem jede Fahrt noch genießen.

Soweit so eine Fahrt überhaupt versucht, Genuss zu bieten. Diese versucht es nicht. Wir bekommen zwei handgeschriebene Zettel mit einer Nummer drauf. Offensichtlich unsere Bettnummer. Dann pressen wir uns eine schmale steile Treppe hoch und sind schon angekommen in unserem Schlafgemach. Es ist ein großer langer Raum, der nicht viel höher ist als Körpergröße. Das ist aber auch nicht notwendig, denn hier soll man liegen. Links und rechts sind durchgehend Matratzen mit einer Holzleiste vom Gang abgetrennt. Kissen markieren den Schlafplatz und auch die darüber angebrachte Nummer. Wir haben 26 und 27. Ich bin froh, dass sowohl meine Schwester, als auch ich schlank genug sind, dass der Platz reichen wird.

Einer der Amerikaner, die mit uns hierher gekommen waren, staunt sich die Augen aus dem Kopf.

Wir werden hier liegen wie Sardinen!“ analysiert er schnell erschrocken – und richtig.

Gepresst nebeneinander bestaunen wir die Profis dieser Reise. Offensichtlich schon oft genug gemacht, sind sie bestens ausgestattet. Oder ihr Reiseführer meinte es gut mit ihnen.

Sie legen sich schnell hin, stopfen sich Ohrstöpsel in die Ohren, holen ihre leichten Decken aus der Tasche, ziehen sich noch ihre Schlafmaske über die Augen, weil sie schon wissen, dass das Licht die ganze Nacht anbleibt, und schlafen ein.

Genauso wie die Thailänder. Die es im Blut haben, sich einfach hinzulegen und zu schlafen.

Bei uns klappt es nicht ganz so schnell. Es ist wahnsinnig heiß. Ich rieche den Schweiß, der sich in der Luft verteilt.

Das Bett ist von der Länge gerade mal so, dass, wenn die Beine im spitzen Winkel angestellt sind, die Füße dennoch die Holzleiste erreichen. Embryonalstellung auf dem Rücken sozusagen.

Wir lachen, aus Verzweiflung vielleicht, vielleicht, weil es uns echt egal ist. Die Amerikaner kippen sich ihren ersten Whiskey-Cola. Den zweiten direkt hinterher. Aufgrund mangelnder Becher erfolgt die Vermischung im Mund. Sie haben wohl keinen guten Reiseführer.

Der Analytiker der beiden sitzt und staunt mit großen Augen und offenem Mund. Kann kaum glauben, dass er sich, sein Leben, seine Existenz, diesem Schiff anvertraut. Zum Glück war es schon zu dunkel gewesen um zu sehen, ob das Schiff verrostet ist.

Thailand Reise-Journal CoverDa die Amerikaner deutsch sprechen, versuchen wir, sie mit Klassenfahrtsspielen abzulenken. Zusammengesetzte Substantive. Mit dem zweiten Wort ist der Anfang eines neuen zusammengesetzten Substantivs zu bilden. Kindergarten, Gartenhaus, Hausbau, Baugesellschaft…

Es geht eine Weile, bis mir die Lust vergeht. Ich muss ja nicht abgelenkt werden. So ist es nun mal, wenn man reist. Wird schon. Wie immer. Und wenn nicht, dann wird es ganz schnell gehen. Und diese Spiele mochte ich auch früher schon nicht.

Der Analyst schlägt ein neues Spiel vor. Genau das gleiche sozusagen, nur mit berühmten Persönlichkeiten und dem Endbuchstaben als neuer Anfangsbuchstabe. O.K. Marc Chagall, Liz Taylor, Ronald Reagan.

„Ich kann das Spiel nicht“ gibt er zu, als er wieder dran ist.

„Wie? Du hast es doch vorgeschlagen!“

„Ja, aber ich bin sehr schlecht darin.“

Zeit zu schlafen. Ich hole mein Handtuch als Decke heraus. Vorausschauend in die kleine Tasche gepackt. Ich lege mich auf die Seite und schaue mit ein paar Zentimetern Abstand auf die Schläfe des Amerikaners neben mir. Augen zu und schlafen, dann ist es egal. Aufwachen, von der rechten auf die linke Seite drehen. Zum Glück macht das meine Schwester im gleichen Moment, so dass es wieder passt. Embryonalstellung auf verschiedenen Seiten hätte nicht gepasst. Hier war Löffelchenstellung angesagt. Oder auf dem Rücken wie Sardinen. Aufwachen, wieder Seiten wechseln. Wie oft wechsele ich eigentlich nachts die Seite? Jetzt mal ein bisschen auf dem Rücken mit angewinkelten Beinen.

Beim nächsten Aufwachen muss ich aufs Klo. Das wollte ich vermeiden. Der Geruch zieht schon die ganze Zeit so komisch hoch. Also Schuhe an (nie ohne Schuhe in Thailand auf die Toilette gehen, so verlockend die Situation auch ist), Treppe runter quetschen, Tür auf. Der Boden ist mit Flüssigkeit bedeckt, ich hoffe, es ist nur Wasser, auch wenn der Geruch was anderes sagt. Festhalten an einem schmierigen Griff, hinhocken, das Loch im Boden treffen, Klopapier suchen, natürlich keins da, Mist, kurz mit dem Gedanken spielen, doch die Thailändische Klodusche zu benutzen – abgewehrt. Augen zu und durch und wieder hoch ins Bett.

Meine Theorie ist ja, dass man immer „Zuhause“ zu dem Ort sagt, an dem man schläft. Im Zelturlaub: Sollen wir nach Hause gehen? Eindeutig das Zelt gemeint, nicht der Ort, von dem man losgefahren ist vor ein paar Tagen.

Bei Bekannten beim Bummel in einer fremden Stadt: Sollen wir wieder nach Hause? Man will dorthin zurück, wo man schläft.

Allerdings sperre ich mich gegen den Gedanken, dass das hier mein Zuhause sein soll. So tief will ich nicht sinken. Sinken schon gar nicht. Aber wir sind nicht überladen. Unten liegen zwar auch noch ein paar Leute, wie ich gerade gesehen habe, aber es sieht noch aus, als wäre es der erlaubte Rahmen.

Thailand Reise-Journal CoverSowieso komisch, dass wir für die kurze Strecke die ganze Nacht brauchen. Da fahren wir sicherlich erst ein paar mal um Koh Tao herum, damit es zeitlich hinkommt. Oder vielleicht werden wir von irgendwelchen schwimmenden Thais gezogen. Dann sollen die aber den verdammten Motor ausmachen. Ich will hier in Ruhe schlafen. Und das Licht können die auch ausmachen. Wer nachts zur Toilette muss, ist selber Schuld. Ist ohnehin besser, das Desaster nicht mit anzusehen.

Der analytische Amerikaner hat es geschafft einzuschlafen. Gut für ihn. Ich denke daran, dem gut vorbereiteten Pärchen einfach eine Schlafmaske abzureißen, damit ich wieder schlafen kann. Denke daran, dass ich jetzt all diese schlafenden Leute beklauen könnte. Still und heimlich. Dann stünde im Reiseführer, dass man auf der Nachtfähre besonders auf seine Wertsachen achten muss, weil die Besatzung kommt und stiehlt, wenn die Passagiere schlafen. Weiß doch keiner, dass ich mir von dem Geld einen noch schöneren Urlaub machen werde. Doch, ich!

Also nur wieder hinlegen, das Gesicht in die Achselhöhle des Nachbarn pressen und hoffen, dass das Schiff ankommen wird.

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