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Botanicula – Wenn Tschechen fantasieren und auch noch programmieren

Posted by: on May 14, 2014 | No Comments

Klar kenne ich Machinarium und Samorost. Und klar weiß ich, dass es die Spiele und Botanicula schon lange für den Desktop gibt, aber ich bevorzuge Spiele auf dem iPad. Und da hab ich mich weggefreut, dass es nach Machinarium jetzt auch Botanicula (endlich!) fürs iPad gibt. Ein Entdeckerspiel mit einem Baum als Setting, könnte man schnöde sagen. Dabei würde man aber den Machern von Botanicula, also den Leuten von Amanita, ein bisschen eine Ohrfeige geben. Denn Botanicula ist eigentlich eine Explosion von Überraschungs-und-Freude-Gefühlen auf jedem Pixel. Mindestens. Und ich fühle mich wieder genau so wie damals, als ich Krtek guckte (der kleine Maulwurf) und eine unglaubliche Freude spürte in jeder einzelnen Sekunde, die die Serie lief.

Bildschirmfoto 2014-05-14 um 13.27.30

Direkt am Anfang von Botanicula sagt einem die Musik: entspann dich! Lass alle Regeln des Erwachsen-Seins hinter dir und entdecke einfach, was wir uns für dich haben einfallen lassen! Also freue ich mich über die wunderschönen Sounds, die Musik, die Lebewesen im Baum, die Farben – über alles! Man tippt am besten auf alles, was sich irgendwie bewegt, führt sein kleines Abenteuer-Team (Lampenfrucht, Samenkapsel, Ahornpropeller, Samenartige Struktur, Pilz) von Ast zu Ast und versucht je nach Level, eine bestimmte Anzahl von z.B. Schlüsseln oder Federn zu finden. Hat man die, kommt man ins nächste Level. Natürlich gibt es unterwegs Bösewichte (z.B. eine Spinne, die die Blätter des Baumes leer saugt), knifflig zu erreichende Orte (irgendein blobartiges Teil, wo ein Schlüssel dran hängt, z.B., aber wie daran kommen?) und viel ist auch einfach Spaß (u.a. eine Pilzbegegnung in bunt und abgefahren).

Und wenn man doch mal zu Sinnen kommt und sich fragt: “War ich auf diesem Ast nicht schon mal?”, “Wie komm ich denn hier jetzt weiter?” und/oder “Ist ja alles super schön und alles, aber worum verdammt noch mal geht es hier eigentlich überhaupt? Was spiel ich denn hier?”, dann sind das ja Fragen, die man sich im echten Leben auch stellt. Und da macht man ja auch weiter. Und wenn nur, um den Baum zu hegen und zu pflegen mit allem, was man da macht und hier und da ein bisschen Freude zu spüren.

Botanicula ScreenshotIch gebe zu: ich komme gerade nicht weiter in dem Spiel. Ich komme an einen verdammten Schlüssel nicht ran und will nicht im Netz die Hilfe holen. Da hätte ich das Gefühl, ich tue dem Spiel Unrecht. Ich werde den Schlüssel schon kriegen, wenn ich so weit bin, ihn mir zu holen. Und bis dahin rattert mein Hirn eben und überlegt. Denn ich denke, es geht hier am allerwenigsten darum zu gewinnen, oder so schnell wie möglich ans Ziel zu gelangen. Botanicula verstehe ich eher in der Tradition von Tao, kurz gefasst: du solltest einfach nur sein. (Zhuangzi kann man auch noch mit reinnehmen: alles auf Erden ist gleichwertig und alles ist mit allem verbunden. Ein bisschen Auseinandersetzung mit Philosophie kann ja nie schaden!)

Botanicula Screenshot

Für mich ist Botanicula ein super schöner Beweis, dass die tschechische Fantasie noch lebt. (Nur für den Fall, dass hier jemand denkt: “Ö, tschechische Fantasie?!”: Ja klar! Die ganzen Serien wie die Märchenbraut, Luzie der Schrecken der Straße, Pan Tau, Die Besucher, der Fliegende Ferdinand, oder die ganzen Märchen. Und da red ich noch nicht mal von grandiosen Autoren wie u.a. Karel Čapek mit seinem Krieg mit den Molchen und dem abgefahrenen R.U.R., aus dem wir ja übrigens den Begriff “Roboter” haben.

Also ja, es gab sie und es gibt sie, die tschechische Fantasie, und mir ist es egal, in welchem Medium sie daher kommt, Theater, Buch, Film, Fernsehen, oder eben als Spiel, sie macht immer Spaß. Und jetzt holt euch schnell Botanicula, solange der Vorrat reicht.